Themenmonat Tagging: 4. Tagging Strategien

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Mein Themenomat Tagging geht mittlerweile in die 8. Woche. Vielleicht wäre „Themenschwerpunkt“ eine weniger verpflichtende und zeitlich eingrezende Bezeichnung für derlei Inhalte gewesen. Ich gehe aber einfach mal davon aus, dass der ein oder andere an Tagging interessierte Leser mir das nachsieht.

Nach einigen Monaten intensiver Beschäftigung mit tagbasierten Systemen stellen viele User erschreckt fest, dass sie durch die große Menge an Tags vor einem mittleren bis großen Chaos stehen. Schlußendlich finden sie durch ihr eigenes Ordnungsprinzip nicht mehr hindurch. Das ist der Zeitpunkt, an denen viele Benutzer dem unlängst ausgewählten Dienst den Rücken kehren und sich doch wieder an klassische Ordnungssysteme wenden. Manche kommen allerdings mit neuer Taktik zurück – oder befassen sich vorher mit möglichen Strategien und Sortierungsansätzen, um gar nicht erst in diese Falle zu laufen.

Dieser Beitrag stellt einige gängige Strategien und Ansätze vor und erläutert im ersten Schritt einige Grundlagen. Um konkrete Beispiele und Empfehlungen geben zu können, konzentriere ich mich hierbei auf Tipps und Ideen rund um del.icio.us, natürlich lässt sich das meiste auf andere Social Bookmarking Plattformen übertragen.

Grundsätzliche Strategie

  1. Tags sollten nicht überlappend vergeben werden – enstscheide Dich für einen Begriff anstatt viele Variationen und Synonyme für das gleiche Wort zu verwenden (z.B. ist das Tag Blogs ausreichend, eine zusätzliche Verwendung von Blogging, Weblog, Blog hilft nicht.
  2. Die einhetliche Verwendung der Plural Form hat sich bewährt. Hat man sich einmal darauf eingestellt, muss man nicht jedesmal neu überlegen, ob Singular oder die Mehrzahl besser passt.
  3. Verwenden einheitliches Vokabular. Hast Du Dich einmal für einen Begriff entschieden, behalte diesen konsequent bei (nötigenfalls kannst Du das Tag hinter global ändern).
  4. Verwende Tags, die auch andere User verstehen können. Innerhalb einer Folksonomie helfen Tags auch anderen, Informationen zu finden. Je eindeutiger Tags sind, desto leichter ist dies möglich und je umso mehr User profitieren von dem System.
  5. Wenn möglich, behalte Deine einmal gewählte Systematik bei. Ein Wechsel in Deiner Art des Tagges kann schnell zu Unübersichtlichkeit und Chaos führen – insbesondere, wenn Du aus del.icio.us generierte RSS Feeds zu bestimmten Tags weiterverarbeitest.
  6. Verwende nie weniger als drei Tags, versuche aber auch, nicht mehr als fünf Tags pro Item zu verwenden.
  7. Die einem Tag zugeordneten Links sollten wenn möglich auch für andere User nachvollziehbar sein. Viele del.icio.us Nutzer abonnieren thematische RSS Feeds.

Taggen – für mich oder auch für andere?

Folksonomien leben davon, dass viele User bereit sind, Ihre Einschätzung von Inhalten mit anderen zu teilen, anderen zu helfen, sich zu öffnen. So sollte man meinen. Natürlich gibt es Phänomene, in denen genau dies ein Grund für die Vergabe bestimmter Tags ist. Jeder, der derzeit an Konferenzen oder Meetings rund um Online Themen teilnimmt, kennt die Hinweise auf zu verwendende Tags für das Event. Die Teilnehmer verständigen sich auf eine Vereinheitlichung Ihrer Schlagwörter, einzig zum Ziele die eigenen Inhalt in den großen Pool der anderen Teilnehmer miteinzustellen, aber auch um von diesem Pool zu profitieren. Ein gutes Beispiel hierfür war die Konferenz Les Blogs im April in Paris. Bei Flickr, del.icio.us und Technorati finden sich unter dem Tag „LesBlogs“ zahllose Einträge, Berichte und Fotos.

Tagging für eine Gruppe

Möchte man seine neuen Links mit einer Gruppe von anderen Leuten Teilen, so bietet es sich an, ein gemeinsames Tag für Links dieser Usergruppe zu wählen – zum Beispiel „Fussballfreunde_Werther“. Dieses verbindende Tag sollte idealerweise kein Wort des allgemeinen Sprachraumes sein, sondern ganz speziell nur für diese Gruppe Verwendung finden. Wenn nun alle Mitglieder der Gruppe den Rss Feed für dieses Tag abonnieren, werden alle Links die für diese Gruppe bestimmt sind sofort an alle Interessenten verteilt.

Für späteres Lesen markieren – Action Tags

Keine Zeit, um einen Artikel oder Blogeintrag in Ruhe zu lesen? Ein probater Ansatz ist es, neben den für den Inhalt relevanten Tags noch eine besondere Markierung „read_later“ zu geben. So kann man in einer ruhigeren Stunde alle Artikel in diesem Bereich erneut sichten und abarbeiten. Nach dem Lesen sollte man allerdings das entfernen dieses Etikettes nicht vergessen, sonst findet man auch durch diese Inhalte nicht mehr durch.

Nutzt man diese Taktik, finden sich im Netz zwei praktische Ergänzungen. Zum einen ein praktisches Bookmarklet zum anderen ein kleines PHP Script, dass einem den nächsten zu lesenden Artikel in die Favoritenleiste zaubert.

Andere Ideen für Action Tags sind zum Beispiel „to_buy“, „to_check“, “ to_learn“, „to_blog“ oder „to_do“. Nutzt man mehrere dieser Tags, bietet es sich an, diesen ein Symbol, zum Beispiel ein @ voran zu stellen, um sie in der alphabetischen Tag-Übersicht an einem Platz zu finden. Oder man kombiniert sie in einem Tag-Bundle.

Nach Quelle markieren

Ein weiteres Tag, das man Links mitgeben kann ist ein Hinweis auf die Quelle. Fasst man diese alle in einer Tag Cloud Ressources zusammen, so kann man zusätzlich einen Einstieg nach der Herkunft eines Inhaltes schaffen. Beispielsweise so: via/the economist.

Tagging und RSS

Das man direkt aus del.icio.us RSS Feeds zu bestimmten Tags und Themen abonnieren kann, ist eine praktische Sache, habe ich im Rahmen des aktuellen Monatsspecials aber auch schon häufiger erwähnt. Es gibt aber noch darüberhinausgehende Ideen, Tags und RSS für die eigene Lesegewohnheiten zu adaptieren. Eine Möglichkeit stellt zum Beispiel das Taggen von Blogs nach gewünschter Synchronisierungshäufigkeit da. Seiten die man für besonders spannend erachtet kann man so auf täglich – oder sogar stündlich setzen. Andere Webseiten oder Blogs, deren Inhalte interessant scheinen kann man unter „wöchentlich“ ablegen – und in seinem Feedreader entsprechend markieren. So verpasst man zwar keinen Eintrag, bekommt diese aber nicht täglich, sondern quasi als Digest – zum Beispiel am Freitag. Allerdings bedingt dies einen manuellen abgleich zwischen getaggter Seite und dem verwendeten Feedreader, eine automatische Synchronisierung wäre spannend, ist mir bislang aber noch nicht begegnet.

Vorschau: So geht es weiter:

Der folgende Teil stellt einige Beispiele für gutes Tagging vor – Tagging Best Practice.

Im fünften sechsten und letzten Beitrag dieser Reihe werde ich einige neue und innovative Tagging basierte Tools vorstellen, die im Gegensatz zu den „etablierten“ Plattformen wie del.icio.us und Flickr noch recht neu und teilweise unbekannt sind.

Rückblick: Alle bisherigen Inhalte des Monatsspecials

  1. Einführung – was sind eigentlich Tags
  2. Aktuelle Trends, Probleme und offene Fragen
  3. Die bekanntesten Tools
  4. Tagging Strategien
  5. Best Practice

Weiterführende Links:

Webreakstuff: Tagging
‚Tagging‘ gives Web a human meaning

oder alle Links gesammelt und stetig aktualisiert bei delicious auch als RSS

9 Kommentare

  • Wo liegt eigentlich der Vorteil von Tags gegenüber Suchfunktionen?

    Bei beiden spielt doch noch immer der Zufall eine große Rolle. Auch bekannt als: Habe ich das passende Stichwort gewählt?

    Nur, dass nun Schreiber und Leser lange nachsinnen müssen über griffige Suchwörter/Tags.

    Scheint mir also keine große Verbesserung zu sein.

  • Zunächst geht es beim Taggen und bei Folksonomien im allgemeinen gar nicht an erster Stelle darum, die klassische Websuche abzulösen. Dennoch ist Im Prinzip die Antwort schon in Deiner Frage versteckt. Bei der Websuche musst Du mit Deinem Suchbegriff darauf vertrauen/hoffen, dass irgendein Seitenbetreiber seine Seite so aufgebaut hat, dass Du diese mit Deinem Query finden kannst.

    Stöberst Du in einer Folksonomie nach dem Inhalt, gibt es neben Deinem Query und den Ideen, unter denen der Seitenbetreiber seine Inhalte abgelegt hat, womöglich noch 100 weitere Tags, die der Seite mitgegeben wurden. Vielleicht enthält eines davon genau die Verbindung, die Dir über die klassische Suche fehlte. Ausserdem kannst Du über verwandte Tags erkennen, in welchem Themenkosmos Du Dich bewegst und vielleicht einfach eine andere Abzweigung probieren.

  • Eine meiner Lieblingsfunktionen ist, dass ich nicht nur für mich tagge. Ich habe meinen Kollegen einen Feed geschickt, der meine del.icio.us Feeds mit dem Tag „Kollege“ enthält. Finde ich etwas, das auch für die Kollegen spannend ist, kommte das „Kollege“-Tag dazu und fertig.

  • danke, dass du diese gute Serie fortführst.

    Bei den grundsätzlichen Strategien scheinen mir 4 und 7 irgendwie gleichwertig zu sein ;) – aber mich würde interessieren, wieso du 3-5 Tags fast als Regel vorschlägst. Damit liegt man dann sicher nicht ganz falsch, aber gerade wer sein eigenes Tagverhalten kennt, dem reichen auch oft ein oder zwei Tags, das sieht man ja auch bei deinen Links.

  • Hallo Sebastian,
    da hätte ich jetzt nicht unbedingt Kollege gewählt, auf den Gedanken kommen ja andere vielleicht auch, und dann wirds kurios :-)
    In dem Fall würde ich individuellere Bezeichungen wählen.

  • Technorati Teil 2: Tagging-Strategien

    Kurz nachdem ich mir in meinem letzten Artikel zu Technorati einige Gedanken über den sinnvollen Einsatz von Tags gemacht habe, bin ich über eine Artikelserie beim Agenturblog gestolpert, der sich bereits erheblich länger mit diesem Them…

  • ad 2) Die Verwendung des Plurals stösst bei mir etwas auf. Im Entity Relationship Modell werden die einzelnen Entitäten im Singular beschrieben, da eine Entität formal über eine Menge oder einen Typ definiert wird.

    Aus der Warte der Semantik macht das mehr „Sinn“, da es sich hierbei um einen Kollektivbegriff handelt, der zur Bezeichnung einer Mehrheit als eine Einheit dient. Das ist ja gerade der Grund für eine Kategorisierung.

    Klassischerweise werden Kategorienamen auch im Singular verwendet, da gerade eine konsequente Verwendung der Pluralform zu Problemen führen kann. Mit dem Tag „Webdesign“ annotiere ich beispielsweise alles was „Webdesign“-relevant ist. Die Pluralform „Webdesigns“ würde hingegen den semantischen Wert des Tags verändern / einschränken und wäre damit nicht mehr für die Beschreibung des Themengebiets adäquat.

    Sofern also keine weitere Konvention zu Benennung der Tags im Sinne einer tieferen Beschreibungsebene eingeführt wird, stimme ich hiermit für den Singular! :-)

  • und in welcher sprache sollte man seine tags notieren? bin ich blind oder wurde darauf in keinem der artikel eingegangen? :)

    also ich versuche meist sowohl den deutschen als auch den englischen begriff als tag zu notieren… allerdings werden die taglisten dann auch meist doppelt so lang, was auch nicht grad vorteilhaft ist :/

    gibts da bessere strategien?

Oliver Wagner von Oliver Wagner

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